Solidarität und Empathie sind gefragt - 02. Mai 2005Arno Erlei packt's an. Als Vorsitzender des Augsburger Behindertenbeirates kämpft er seit 1999 entschlossen für die Belange behinderter Mitbürger. Und das mit wachsendem Erfolg: mit Tatkraft und Sachverstand berät er Ämter und Behörden, klärt auf und schreitet ein, wo nötig. Barrierefreiheit in Augsburg, so lautet die Stoßrichtung. Der Augsburger Behindertenbeirat ist Ansprechpartner für Menschen mit Behinderung und deren Angehörige. Im nächsten Frühjahr werden es schon zehn Jahre, dass der 36-köpfige Beirat seine Arbeit aufgenommen hat. Seine Mitglieder rekrutiert er dabei stets aus dem Kreis der Betroffenen.
Das Bundesgleichstellungsgesetz aus dem Jahr 2002 und das Bayerische Behindertengleich- stellungsgesetz von 2003 erleichtern die Arbeit zwar, doch noch immer herrschen bei Nichtbehinderten Sorglosigkeit, Ignoranz und mangelnde Sensibilität vor. Positive, wie negative Diskriminierung sind leider Alltag. Immerhin sorgt das Gesetz aber beispielsweise für die Koppelung öffentlicher Fördermittel an die nötige Barrierefreiheit bei Bauprojekten. Erlei lobt diesen „heilsamen” Zwang. Gleichzeitig arbeitet er aber daran, dass die städtische Verwaltung den Beirat noch aktiver mit einbezieht. Unsägliche Pannen, wie etwa die vollkommen untaugliche neue Behindertentoilette an der Sportanlage Süd, hätten dadurch vermieden werden können. Weil gesetzliche Normen nicht eingehalten wurden, wird die Stadt aufwändig nachrüsten müssen. Mehrkosten: bis zu 10.000 Euro. „Wie kommt eigentlich ein Bauplaner oder Architekt dazu, Behinderte durch seine Arbeit auszuschließen”, fragt sich Erlei zu Recht und gibt sogleich die Antwort. „Das Problem liegt einfach darin, dass dieser Bereich in der Gesellschaft noch immer tabuisiert wird. Das passt nicht in unsere Lebensplanung.” Dabei kann es jeden jederzeit treffen. Behinderung werde jedoch bei den meisten erst dann thematisiert, wenn sie plötzlich selber durch Unfall, Krankheit oder familiär betroffen sind. Dabei wäre es so einfach, Neubauten etwa gleich barrierefrei zu planen. „Der finanzielle Mehraufwand ist dann gleich null.” Viele junge Menschen würden Häuser bauen, in denen sie alt werden wollen, spätere Gebrechen und Mobilitätsverluste nicht eingerechnet, leider. Angehende Bauherren können sich beim Behindertenbeirat übrigens jederzeit beraten lassen. Der Behindertenbeirat ist in sechs Fachbereiche unterteilt: „Gestaltung von Baulichkeiten und Wohnen”, „Arbeit und berufliche Integration”, „Schule und Bildung”, „Kommunikation”, „Soziale Dienstleistungen und Hilfen” und „Mobilität und Verkehr”. Letzterer hat's besonders schwer. Hauptärgernis bleibt der Hauptbahnhof. Von Mobilität könne bei den knapp 1.000 Bahnhöfen in Bayern ohnehin keine Rede sein, Augsburgs ÖPNV-Zentrale gilt bei Betroffenen aber regelrecht als Sackgasse. Für Rollstuhlfahrer ist im Hauptbahnhof ohne fremde Hilfe die Reise zu Ende. „Die Resignation ist ungeheuer, wenn plötzlich die barrierefreie Beförderungskette reißt.” Drängendes Anliegen des Beirats ist deshalb ganz klar: die baldige Umsetzung der Pläne für eine „Mobilitätsdrehscheibe Augsburg”. Hier gibt sich Erlei kämpferisch: „Es gibt keine Frustrationstoleranz mehr.” Bei der Sanierung des Kleinen Goldenen Saals hätte sich diese Linie bereits ausgezahlt: breite Gänge, passend hohe Tische, Hörschleife etc.. Die Zusammenarbeit klappte Erlei zufolge prima, der Besuch des Prachtsaals wird deshalb auch für Menschen mit Behinderung zur Attraktion. Als Segen bezeichnet Erlei den Einzug moderner Informationstechnologien, gerade für Behinderte. Mit verschiedenen Soft- und Hardwareprodukten haben Bürger mit Handicap teil an der grenzenlosen Kommunikation. Doch auch hier lauern Gefahren. Die beharrliche Ignoranz vieler Seitenbetreiber, ihre Inhalte barrierefrei anzubieten, konterkariert diese Entwicklung. Fazit: Augsburg und Deutschland haben gleichermaßen kolossalen Nachholbedarf in Sachen Barrierefreiheit. Vorwärts! |